Mit Hedy auf dem Grossglockner

8.-9. Oktober 1995

 

Der Grossglockner, mit 3‘794 Metern höchster Berg Österreichs, spukte schon lange in meinem Kopf herum, und als wir zu einem Jagdanlass nach Kärnten fahren wollten, reifte der Entschluss, es doch zu probieren.

 

Am Sonntagmorgen kurvten wir die „mautpflichtige“ Glocknerstrasse von Zell am See aus über den Pass zur Abzweigung zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe.

Da zeigte er sich erstmals in seiner ganzen Majestät.

 

Bei einer Knödelsuppe sinnierte ich aus dem Fenster vom Glocknerhaus, ob wir ihn wohl anpacken könnten, und auch vor dem riesigen Parkhaus auf der Franz-Josefs-Höhe plagten mich noch Zweifel beim Beobachten der Partien, die vom Gipfel durch anscheinend tiefen Neuschnee abstiegen. Doch dann obsiegten mein und Hedy’s Optimismus.

 

Schnell waren zwei Liter Eistee, zwei Schockoladen und etwas Pumpernickel eingekauft, die Kleider gewechselt und der Rucksack gepackt – und um viertel nach zwei fuhr uns die Gletscherbahn zum Pasterzengletscher hinab.

Die Pasterze mit dem Johannisberg

 

Auf der gegenüberliegenden Seite des Gletschers sagte uns die Sonne gute Nacht, und wir suchten, spärlichen Zeichen folgend, den Aufstieg über Geröll und Schrofen zum Frühstücksplatz. Nach einem Schluck Tee betraten wir das Hofmannskees (den Hofmannsgletscher) und folgten der tiefen und meist noch weichen Spur, ohne Steigeisen und Seil, hinauf Richtung Salmkamp.

 

Als im Osten ein heller Vollmond aufging, als die ersten Sterne zu leuchten begannen, bekam Hedy in ihren Oberschenkeln Krämpfe und konnte kaum noch weiter,

währen die Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruh auf 3‘450 Metern erwartungsvoll auf uns herab blickte.

Die Hütte mit dem Gipfel des Kleinglockner

 

Der weitere Aufstieg, Schritt um Schritt, immer wieder durch Krämpfe und Schmerzen unterbrochen, in die nun volle Mondnacht hinein, war Luis-Trenker-reif, die Ankunft im geheizten Winterraum der Hütte um halb acht eine entsprechende Erlösung. Nur gerade noch einige Schlücklein Tee brachten wir hinunter, zuerst bekam Hedy Schüttelfröste, dann ich. Unser unruhiger Schlummer wurde um halb eins unterbrochen durch drei Ungarn, die in 20 Stunden die Palavicini-Rinne „bezwungen“ hatten.

 

Wie würde es am Morgen Hedy gehen? Bringe ich sie wieder hinunter?

 

Als die Dämmerung sich durchs angelaufene Fenster wagte, fragte mich Hedy, wann wir aufbrechen sollten – zum Gipfel natürlich!

 

Gut, dann ruhig probieren, war mein Gedanke.

 

Eine überirdische Stimmung, wallender Nebel mit abechselnden Fernblicken in sonnige Bergketten empfing uns, als wir fertig angeseilt und die Steigeisen angeschnallt, vor die Hütte traten.     

Tief stand der Vollmond im Westen über dem Grossvenediger.

 

Durch diese immer wieder wechselnden Bilder begannen wir den Austieg übers Glocknerleitl zur Schulter.    

Hedy stieg problemlos, was mich in ungläubiges Staunen versetzte.

 

Der Firngrat am Kleinglockner bot exponierten Genuss mit fantastischen Tiefblicken, der Abstieg durch die gefrorenen Felsen in die Glocknerscharte erforderte volle Aufmerksamkeit, die Traverse der Scharte ähnelte einem kurzen Seiltänzerakt auf Firn, mit einem beängstigenden Blick in die Palavicini-Rinne hinunter.

 

Dann grapschten die Steigeisen die letzte Felsflucht zum Hauptgipfel hinauf, den wir nach anderthalb Stunden tief bewegt vor Freude erreichten.

Frei der Blick in die Unendlichkeit – tausende von Gipfeln ringsum –

Sonnenschein – Wärme – Glück

Der ganze Abstieg stand unter dem Eindruck von Dankbarkeit und tiefer Zufriedenheit, und, wen wunderts, auch mächtigem Stolz.

Ich glaube, wir genossen jeden Meter Weg, schauten zurück hinauf, und schauten wieder zurück hinauf, und waren glücklich.